Immanuel Kant

Tranzedentalphilosophie
 

Kritik der reinen Vernunft

Kant untersucht die Grundlagen unserer Erkenntnisfähigkeit und kommt zu dem Schluss dass diese begrenzt sind. Der menschliche Verstand kann Fragen wie die nach der Existenz Gottes, der Seele oder den Anfang der Welt ( “regulative Ideen”) nicht lösen. Die Existenz (oder Nichtexistenz) von Dingen, die außerhalb der Sinnenwelt liegen (z. Bsp. die Seele oder Gott), kann mit dem Verstand nicht bewiesen werden. Trotzdem können und müssen solche “regulativen Ideen” gedacht werden – und zwar mithilfe der Vernunft.

Dem Menschen stehen nur begrenzte Wahrnehmungsfähigkeiten zur Verfügung. Er/Sie nimmt die Wirklichkeit wie durch eine farbige Brille wahr.

Um Überhaupt etwas über die Welt zu erfahren, benötigen wir sowohl die sinnliche Wahrnehmung als auch den Verstand.

Tranzendentale Ästhetik: Die sinnliche Wahrnehmung

Reine Verstandesbegriffe sind leer.
Beispiel: Das fran­zö­si­sche Wort “chien” ist ein Begriff, mit dem niemand etwas anfangen kann, der die Sprache nicht beherrscht. Jeder andere verbindet mit dem Begriff die Vorstellung eines Hundes.

Reine Anschauungen (sinnliche Wahrnehmungen) sind blind.
Beispiel: Wer ein Gerät in die Hand nimmt, das er nicht kennt, dessen Zweck und Funktion ihm unbekannt sind, der hat es eben nur mit “irgendeinem Ding” zu tun. Ihm fehlt der Begriff für diese blinde Anschauung.

Wie wir die Welt sehen, hängt von unserer Wahrnehmung und von unserem Verstand ab. Ob aber die “Dinge an sich” in Wirk­lich­keit so sind, wie wir sie wahrnehmen, können wir nicht wissen.

Das menschliche Denken muss Raum und Zeit vor­aus­set­zen, um überhaupt irgendetwas erkennen zu können. “Raum und Zeit” sind “a priori” d.h. von unserer Erfahrung unabhängig und gleich­zei­tig notwendig.

Zeit und Raum sind keine Hilfs­kon­struk­tio­nen unseres Denkens (dann wären sie Begriffe), sondern An­schau­un­gen. Sie wirken sinnlich auf uns ein.

Tranzendentale Logik: Die Kategorien (Urteilsformen)

Was die tran­szen­den­ta­le Ästhetik für die Wahrnehmung, ist die tran­szen­den­ta­le Logik für das Denken. Sie fragt nach den Gesetzen oder Prinzipien des Denkens, die a priori Geltung haben. Diese dürfen nicht von der Erfahrung oder von Sin­nes­ein­drü­cken abhängen, sie müssen elementar, d. h. nicht zu­sam­men­ge­setzt sein, und sie müssen vollständig erfasst werden können. Jedes Mal, wenn wir unseren Verstand einsetzen, fällen wir ein Urteil über die Welt. Dabei verwenden wir ver­schie­de­ne Ur­teils­for­men, die als Kategorien bezeichnet werden. Es gibt folgende Gruppen von Kategorien:

Quantität: Einheit, Vielheit, Allheit.

Qualität: Realität, Negation, Limitation.

Relation: Inhärenz und Subsistenz, Kausalität und Dependenz, Ge­mein­schaft.

Modalität: Möglichkeit vs. Un­mög­lich­keit, Dasein vs. Nichtsein, Not­wen­dig­keit vs. Zu­fäl­lig­keit.

Tran­szen­den­ta­le Deduktion

Sind diese Kategorien zutreffend? Wie ist es zu erklären, dass sich Kategorien, die ja reine Begriffe des Verstandes sind, auf konkrete Gegenstände beziehen können? Darum geht es bei der tran­szen­den­ta­len Deduktion. Hier kommt es zur ei­gent­li­chen ko­per­ni­ka­ni­schen Wende des Denkens, ins­be­son­de­re wenn man sich einmal die Bedeutung des Kau­sa­li­täts­prin­zips vor Augen hält. Der Satz: “Das Eis schmilzt, weil die Sonne scheint”, beinhaltet die Kategorie der Kausalität. Beide Er­schei­nun­gen (Son­nen­schein und schmel­zen­des Eis) lassen sich sinnlich wahrnehmen, die Kausalität jedoch (das “weil”) ist kein sinnlicher Eindruck, sondern ein Begriff des Verstandes. Der Verstand arbeitet wie ein Stempel, der die Kategorien ordnend in die sinnlichen Wahr­neh­mun­gen “hin­ein­drückt”. Er tut etwas ganz Be­mer­kens­wer­tes: Er paart Ob­jek­ti­vi­tät (Schmelzen, Son­nen­schein) mit Sub­jek­ti­vi­tät (“weil“). Daher lässt sich sagen, dass die Objekte davon abhängig sind, wie wir sie wahrnehmen.

Als Ver­bin­dungs­stück zwischen Wahrnehmung und Denken fungiert das tran­szen­den­ta­le Schema: Hiermit ist eine Fähigkeit gemeint, die uns hilft, eine Vielfalt von Er­kennt­nis­mög­lich­kei­ten nach einem vor­ge­präg­ten Muster zu ordnen. Bei­spiels­wei­se besitzen wir alle das Schema, das uns befähigt, einen Hund zu erkennen. Das Schema ist jedoch viel allgemeiner als das Bild eines konkreten Hundes und hilft dem Verstand dabei, die passende Kategorie auf eine Sin­nes­wahr­neh­mung anzuwenden.

Die Grenzen des Verstandes und die Refugien der Vernunft

Alles, was außerhalb des Reiches des Verstandes und der sinnlichen Wahr­neh­mun­gen liegt, bleibt für uns ver­schlos­sen. Die sinnliche Wahrnehmung ist das Phaenomenon (das Er­schei­nen­de), alles andere das Noumenon (das Gedachte). Das Noumenon beherbergt das “Ding an sich”, das wir mit unserem Verstand nicht begreifen können. Hier setzt die Vernunft ein, die dem Verstand über­ge­ord­net ist. Die Vernunft kann in das Reich der Ideen vordringen. Dabei handelt es sich um alle Vor­stel­lun­gen, die unbedingt sind, die also nicht den Bedingungen der wahr­nehm­ba­ren Welt unterworfen sind. Diese Ideen sind ver­nunft­ge­mäß notwendig, ungefähr so wie der Horizont: Dieser ist notwendig (denn irgendetwas muss unseren Blick abschließen), aber wir können ihn nie erreichen. Die Ideen können (mit dem Verstand) nicht erkannt, wohl aber (mit der Vernunft) gedacht werden. Es gibt drei wesentliche tran­szen­den­ta­le Ideen, die allesamt denkbar, aber nicht beweisbar sind:

Un­sterb­lich­keit:
Un­sterb­lich­keit ist eine Idee, die den weltlichen Bedingungen, denen sich der Mensch aus­ge­lie­fert sieht, etwas Unbedingtes ent­ge­gen­setzt.

Freiheit:
Wenn die Welt nach bestimmten Na­tur­ge­set­zen abläuft, nach einer strengen Regel von Ursache und Wirkung, so ist auch eine Freiheit des Handelns denkbar, sich darüber hin­weg­zu­set­zen.

Gott:
Dies ist das tran­szen­den­ta­le Ideal, das alle menschliche Erkenntnis abschließt.

Die Tran­szen­den­ta­le Dialektik

Die Vernunft kann die Ideen denken, trotzdem erscheinen sie wi­der­sprüch­lich. Aussagen über Mensch, Welt und Gott sind Antinomien: scheinbare Ge­gen­sätz­lich­kei­ten, die aber dennoch notwendig sind. Die Idee der Freiheit schließt bei­spiels­wei­se sowohl die Möglichkeit von Kau­sal­ket­ten ein (das eine Ereignis folgt einem anderen, z. B. “Ich rette ein Kind aus einem reißenden Fluss, weil mich seine Mutter dafür bezahlt.”), aber gleich­zei­tig auch die Möglichkeit eines freien Willens. Wenn alles voneinander abhängt, kann es keinen Anfang der Kausalkette gegeben haben, denn dieser Anfang muss freiwillig, ohne Kausalität statt­ge­fun­den haben. Daher gibt es die Freiheit, etwas neu zu beginnen. (Also: “Ich helfe dem Kind, weil ich das menschlich/moralisch/ethisch für richtig halte.”)

Die Ge­gen­sätz­lich­kei­ten der Ideen verwirren unsere Vernunft: Sie will unbedingt eine absolute, letzt­end­li­che Möglichkeit her­aus­fin­den – und scheitert deshalb. So ist z. B. die Existenz Gottes glei­cher­ma­ßen möglich wie unmöglich. Sie kann mit mensch­li­chen Mitteln nicht bewiesen werden, genauso wenig wie seine Nicht­exis­tenz.

Aufbau und Stil: Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant

Die Kritik der reinen Vernunft besitzt einen klaren Aufbau – wobei man allerdings schon bei einem kurzen Blick ins In­halts­ver­zeich­nis ins Schlingern geraten kann, sofern einem Kants Termini nicht geläufig sind: Zu ähnlich klingen die ver­schie­de­nen Kapitel und zu un­ein­heit­lich ist der Gebrauch bestimmter Begriffe. Grob gliedert sich das Buch in eine Elementar- und eine Me­tho­den­leh­re. Die Ele­men­tar­leh­re, der Hauptteil des Werkes, besteht aus der tran­szen­den­ta­len Ästhetik, die sich mit den We­sens­merk­ma­len der reinen sinnlichen Wahrnehmung beschäftigt sowie Raum und Zeit untersucht, und der tran­szen­den­ta­len Logik, die das Gleiche im Hinblick auf das Denken vornimmt. Letztere ist zweigeteilt in die tran­szen­den­ta­le Analytik, bei der es um die Ein­zel­bau­stei­ne des Verstandes geht (die Kategorien), und die tran­szen­den­ta­le Dialektik, die sich mit den Bereichen beschäftigt, die für den Verstand nicht erreichbar sind, wohl aber für die Vernunft. Hier geht es um die grund­le­gen­den Fragen der Metaphysik, um Mensch, Welt und Gott. Kants Stil war selbst für seine Zeit­ge­nos­sen eine harte Nuss. Daran hat sich natürlich bis heute nichts geändert. Das Buch, eines der schwie­rigs­ten der Phi­lo­so­phie­ge­schich­te, wirkt umständlich und der Leser muss sich öfters fragen: Worauf zielt Kant eigentlich ab? Nur wer diese Fra­ge­stel­lung ständig im Blick hat, bleibt auf Kurs.

Interpretationen und Erläuterungen

Das Wort “Kritik” im Titel steht nicht für “kritisieren” im Sinn von “bemängeln”, sondern für “durch­leuch­ten, überprüfen, durchdenken“.

Als Kants Werk waren die Hauptstömungen der Ra­tio­na­lis­mus und der Empirismus.

Der Ra­tio­na­lis­mus leitet alle Erkenntnis aus dem Verstand ab. Erfahrungen spielen keine Rolle und können in die Irre führen; nur das denkende Subjekt ist daher dafür ver­ant­wort­lich, Schlüsse zu ziehen und zu Lösungen zu kommen. Kant kritisiert diese unbedingte Sichtweise, glaubt aber auch daran, dass es Bedingungen der Erkenntnis gibt, die von der Erfahrung unabhängig sind.

Der Empirismus betrachtet die Erfahrung als einzige Quelle der Erkenntnis. Nichts kann in den Verstand vordringen, das nicht vorher in den Sinnen gewesen ist. Auch dieser Er­kennt­nis­theo­rie stimmt Kant einerseits zu (es gibt eine sinnlich wahr­nehm­ba­re Welt), an­de­rer­seits behauptet er, dass auch Erkenntnis a priori, also ohne Zu­hil­fe­nah­me der Erfahrung möglich ist.

Kants große Leistung liegt vor allem in der Einsicht, dass es einen Bereich gibt (das “Ding an sich”), den der Mensch wegen seines un­ge­nü­gen­den Er­kennt­nis­ver­mö­gens niemals erfassen kann. Das ist eine geradezu brutale Erkenntnis, die niemand zuvor in dieser Klarheit aus­ge­spro­chen hat. Was wir sehen, ist nicht die wahre Wirk­lich­keit, sondern ein Gemisch aus Sin­nes­ein­drü­cken und deren Ver­ar­bei­tung durch unser Denken. Alle Erkenntnis ist immer schon durch unser Denken “konstruiert”.

Kant ist einer der großen Kritiker der Metaphysik, also des Teilgebiets der Philosophie, das sich mit dem Ursprung, Grund und Ziel allen Seins beschäftigt. Eines der Haupt­an­lie­gen der Kritik der reinen Vernunft ist, zu klären, wie Metaphysik überhaupt möglich ist.

 

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